One Laptop Per Child Video
Hier ein Video zur "One Laptop Per Child" Initiative.
Auch Mike von PAIWASTOON (im Standbild zu sehen)kommt zu Wort.
Im Jahr 2006 habe ich ein AIESEC-Praktikum als "Firmengründer" des IT Startup PAIWASTOON in Afghanistan absolviert. Meine Erlebnisse sowie die weitere Entwicklung um das Unternehmen, meine Gründungs-Crew und mich dokumentiere ich hier.
Hier ein Video zur "One Laptop Per Child" Initiative.
Neues von meinem ehemaligen Mitarbeiter Jawan Shir, der inzwischen in den USA studiert. In einem Radiointerview berichtet er über seine Jugend im Kriegsgebiet Afghanistan.

Am vergangenen Wochenende habe ich zusammen mit Maike an der Veranstaltung "International-isierung zu Hause", des International Office der TU Braunschweig teilgenommen, um AIESECs Konzept des Interkulturellen Lernens vorzustellen. Titel unseres Vortrags war "Interkulturelles Lernen als Lebenseinstellung".
Labels: Intercultural Competence, Presentation
Hier ein Beitrag, den ich für den Imagine-Blog geschrieben habe und der von einem meiner Mitarbeiter aus Kabul motiviert wurde.
Wieder zurück in Deutschland gab es ein durchaus grosses Interesse an meinen Erlebnissen Afghanistan.






PAIWASTOON entwickelt sich langsam weiter. Mein Nachfolger Mike hat hat einiges im technischen Bereich bewegt. Wir haben ein Content Managemet System in Landessprache und einige nette afghan-konforme Services, wie z.B. eine Möglichkeit, Netzinhalte lokal zu komprimieren und so auch im bandbreitenschwachen Afghanistan schnell verfügbar zu machen. Ich bin jetzt endlich auch in Sachen Betriebssystem auf Open Source umgestiegen: Linux Ubuntu!
Das viele mächtige Männer in Afghanistan ihre Finger im Drogengeschäft haben, ist ein offenes Geheimnis. Auch einigen Gastgeber, die mich in Kabul bewirtet haben, haftet dieser Ruf an, was bei mir auch zu Gewissenskonflikten geführt hat. Sollte ich diese Menschen als Kunden behandeln - oder sie einfach meiden? Im Vorfeld meines Aufenthalts von Deutschland aus wäre diese Frage sicher leicht zu beantworten gewesen. Vor Ort zeichnete sich aber ein ganz anderes, graueres Bild.

Woww! Ist das leise hier auf den Staßen! So wenig menschen sind unterwegs und keiner schaut Dich an. Gar kein Stress, beim durch die Stadt schlendern.
Auf dem Bild sieht man mich im Garten meiner Eltern in meinem maßgeschneiderten afghanischen Anzug und mit einer englischsprachigen Koranausgabe - beides Geschenke meiner Mitarbeiter. Das satte Grün zeigt, dass ich mich nicht mehr in Kabul befinde. Die längeren Haare auf dem kopf und vor allem am Kinn habe ich auch mitgebracht - dafür habe ich rund 10 Kilo Körpergewicht dagelassen.
30.07.2006
Wir schaffen es aber tatsächlich bis nach Dubai. Als die Anschnallzeichen in der Maschine aufleuchten, springen alle afghanischen Mitreisenden schonmal auf und holen ihr Gepäck aus der Ablage. Als die Maschine ausrollt, stehen sie schon in der Schlange vor der Ausstiegsluke. Wir Europäer schnallen uns ab.
26.07.2006
18.07.2006

15.07.2006
Ein Auftrag der Provinzregierung von Kunduz gibt mir mal wieder eine Gelegenheit ein bisschen durch das Land zu reisen.
Kunduz, in Deutschland vor allem bekannt durch die dort sehr starke Bundeswehrpräsenz, ist eine Stadt im Norden Afghanistans, von Kabul getrennt durch das mächtige Hindukusch Gebirge, welches es über den Salang-Pass zu überwinden gilt.
Mit zwei meiner Kollegen und einem für zwei Tage gemieteten Taxi geht die Reise los.
Zusammen mit endlosen LKW Lawienen (alle LKW’s liebevoll bemahlt und mit Accesoirs ausstaffiert) geht es die engen Passstraßen hinauf. Der Blick schweift über die zerklüftete Berglandschaft, unheimliche Mienenfelder, malerische Bergdörfer und zerstörte Panzerwracks. Man kann es sich bildlich vorstellen, wie diese drei ausgebrannten russischen Panzer dort unten einst von einer Horde Muschahedin, die plötzlich auf dem Bergkamm auftauchten, überfallen und vernichtet wurden. Gänsehaut!
Dann aber wieder unheimlich friedliche Bilder. Ein Händler hat seinen Stand mit frischen Maulbeeren direkt an der Straße aufgebaut. Er lädt ein, in seinen kleinen Oase am Gebirgsbach ein wenig zu verweilen und zu entspannen.
Picknik mit meinem Taxifahrer
Schließlich ereichen wir den Salang Tunnel, ein dunkles Loch im Berg, innen schlecht beleuchet und belüftet sowie mit unzähligen tiefen Schlaglöchern versehen. Der TÜV hätte das Ding wohl schon lange geschlossen. Hier ist der seinerzeit von den russischen Besatzern gebaute Tunnel die einzige zügige Nord-Süd Verbindung.
Auf der anderen Seite geht es wieder die Berge hinab und es wird unerträglich warm. Die Luftfeuchtigkeit ist hier bei 40 Grad sehr viel höher als in Kabul. Wir kurbeln die Fenter herunter, aber die hereinstöhmende Luft scheint das Auto nur noch mehr aufzuheizen.
In dem gegenüber Kabul sehr beschaulich wirkenden Kunduz angekommen, beziehen wir zunächst unser Quartier, das ich bereits am Vortag über Freunde organisiert hatte. Abends wurde eine deutsche Kneipe ausfindig gemacht, in der die fulminate WM-Begegnung "Deutschland : Argentienen" bejubelt und mit deutschem Bier begossen wurde. Etwas aufgeregt habe ich mich darüber, das einem meiner afghanischen Begleiter, der auch ein Bier bestellen wollte, dieses verweigert wurde. Auf sein bitten hin, habe ich mich aber nicht weiter darüber beschwert.
Am nächsten Tag dann Ortstermin bei der Provinzregierung. Unser Ansprechpartner spricht deutsch, da er lange in Hildesheim gelebt hat, so läuft die Verständigung gut. Sie wollen eine Webseite, haben aber leider das Problem, dass sie im Regierungsgebeude noch keinen Internetanschluss haben. Auch hierfür wird aber eine Lösung gefunden und ein Vertrag geschlossen.
Dann wird der Kofferraum noch mit den Regionstypischen Melonen vollgeladen und es geht wieder auf den Rückweg.
Nachdem nun das Büro eingerichtet und ein Team eingestellt ist, geht es an die Arbeit.
Meine Aufgabe ist es, innerhalb der kurzen Zeit die ich hier in Kabul bin, den 5 Jungs eine Grundstruktur zu geben in der der sie zukünftig arbeiten können.
Neben standarisierten Abläufen im Büro, habe ich besonderen Wert auf das gemeinsame Verständnis unseres Ziels und unserer Marke gelegt.
Der Chef (also icke) erleutert das Planungssystem
Wir haben uns gemeinsam mit dem Branding beschäftigt, welches unser kleines Uneternehmen prägen soll. Wir wollen in der Zukunft nicht nur als professioneller Dienstleister für internetgestützte Networking-Dienstleistungen auftreten, sondern wollen uns praktisch unseren eigenen Kundenstamm erschaffen, indem wir sehr viel Bildung vermitteln. Dies soll in Form von Seminaren geschehen, aber auch über unsere Werbung sollen Informationen transportiert werden, die über ein bloßes „diese Firme ist toll“ hinausgehen.
Einen weiteren wichtigen Baustein stellt der Versuch dar, einen „afghanischen Weg“ zu verfolgen. Dies soll bedeuten, dass PAIWASTOON nicht einfach erfolgreiche Konzepte aus der westlichen Welt kopiert sondern diese möglichst stimmig auf Afghansitan anpasst. Augescheinlich soll dies durch eine konsequente benutzung der beiden Landessprachen Dari und Pashtu werden, für deren Umsetzung wir als Experten gelten wollen.
Sehr zufrieden bin ich inzwischen mit der Arbeitsweise „meiner Jungs“. Wärend ich die ersten Tage und Wochen vornehmlich damit verbracht habe alle paar Minuten neue Aufgaben zu verteilen und in der zwischenzeit intensiv grübeln musste, was denn als nächstes zu tun sei, klappt das Delegieren inzwischen einwandfrei.
Jeder hat inzwischen seinen Verantwortungsbereich bekommen und innerhalb dieses Bereichs habe ich Projekte deffiniert mit denen die Jungs betraut sind. Das macht jetzt wirklich Spaß im Büro zu sitzen und zu sehen, wie alle wissen was sie zu tun haben. Ich kann jetzt selbst wieder inhaltlich arbeiten und längerfristig planen, muß nur ab und zu mal den Fortschritt loben oder auch mal korrigieren.
Seit 12 Stunden kein Strom (also auch kein Ventilator), 40° im Schatten und genausoviel Fieber. Das war der letzte Freitag. Das Ganze garniert mit einem RICHTIGEN Durchfall.
Nachdem wir dieser Zustand nach 3 Tagen unheimlich wurde und auch meine Kohletabletten meine Verdauung nicht mehr wiederherstellen konnten, habe ich schließlich das „Kabul German Medical Center“ ein Minikrankenhaus, betrieben von deutschen Ärzten, aufgesucht.
Unter anderen Umständen wäre das ein wirklich angenehmer Ort im chaotischen Kabul, mit Garten und sauberen schönen Räumen, in meinem Zustand war mir das allerdings ziemlich egal.
Zunächst ein Schock: Verdacht auf Thypus!
Dann aber relative Erleichterung. Eine Stuhlprobe (eine Tasse grüner Tee, die ich oben reingekippt habe und die unten, also hinten, Minuten später unverändert wieder herauskam) brachte die Ärztin zur Diagnose „Parasiten“. Das ganze ist ähnlich einer Salmonellenvergiftung und als Gegenmaßnahme muss ich nun massive Antibiotike schlucken. Toll! Gerade jetzt wo die Fußball WM beginnt. Auf meine Frage ob ich denn noch Bier trinken dürfe, bekam ich die Antwort: „Dürfen tun sie, aber schmecken wird es ihnen nicht“. Geschmeckt hat es gut, aber bekommen ist es mir absolut nicht.
Nach den letzten Unruhen wäre auch mein geplanter Ausflug nach Bamyan und Band-e-amian fast ins Wasser gefallen, aber nach Rücksprache mit einigen Afghanen, die die Reise als relativ gefahrlos eingestuft haben, mache ich mich gemeinsam mit meinem Angstellten und Freund Waheeddullah auf den Weg.
Zunächst müssen wir in einer Markthalle für Inlandsreisen das richtige Fahrzeug auswählen. In einer dichten Menschenmenge rufen die Fahrer, der Mitsubischi Kleinbusse die Fahrziele aus... „Mazar, Mazar, Mazaaaaaar!“, „Kandhahaaaaaaar“, „Bamyaaaaaan“... aha, hier sind wir richtig. Ich überlasse Waheedullah das Aussuchen des Fahrzeugs und Aushandeln des Preises. Im 8 Sitzer geht es dann los, gemeinsam mit 6 weiteren Afghanen. Die geteerte Straße wird schon nach rund 20 Minuten verlassen, der größte Teil der Strecke geht über bucklige Naturpiste. 7 Stunden Fahrt sind angepeilt. Im Bus herrscht gute Stimmung, nehme allerdings nur sporadisch an der Konversation Teil, da es recht laut ist, ich den afghanischen Humor sowieso nicht wirklich verstehe und es draußen so viel zu sehen gibt.
Unser Überlandbus
Endlich kann ich einen Blick auf Afghanistan werfen, nachdem ich bisher nur das dreckige, stinkende, chaotische Kabul kennengelernt habe. Wüstenlandschaften wechseln sich ab mit unglaublich grün erscheinenden Feldern auf denen pink gewandete Frauen arbeiten, was überhaupt nicht kitschig wirkt, sondern einfach nur schön anzusehen ist. Im Krieg zerstörte Dörfer aber auch äußerst lebendige kleine Orte werden passiert. Schließlich klettert unser kleiner Bus immer höher in die Berge. Ich weiß noch immer nicht wie hoch wir da waren, es gibt aber wirklich atemberaubende Passstraßen und Hochplateaus zu sehen. Immer wieder mal garniert mit russischen Panzerwracks. Die Toilettenpausen müssen direkt an der Piste abgehalten werden, „hinterm Busch“ ist nicht, wegen der Minen, die links und rechts der Straße vor sich hin rosten.
Der „Abstieg“ nach Bamyan führt vorbei an einer jahrhundertealten (nicht mehr bewohnten) Felsenstadt, die in den „Grand Canyon“-roten Fels- gehauen ist.
Bamyan selbst ist eine ziemlich kleine Stadt, bekannt geworden durch die riesigen Felsbuddas (Weltkulturerbe), die die Taliban seinerzeit aus dem Fels gesprengt haben... Abbildungen von Lebewesen duldet der Koran nach ihrer Auslegung rigoros nicht.
In Bamyan nehmen wir uns ein kleines Zimmer in einer Pension. Im Zimmer liegt nur ein Teppich, zwei Matten und zwei Decken. Es ist dreckig und muffig, kostet aber nur 6,50 $ für zwei Nächte, inklusive Tee „all you can drink“! Eine Toilette oder Dusche gibt es auch nicht, nur eine öffentliche Bedürfnisanstalt, die ich hier lieber nicht beschreiben möchte.
Wenn es in Kabul schon ein etwas komisches Gefühl ist, als Ausländer durch die Straßen zu gehen, hier potenziert sich das ganze noch mal. Man kommt sich wirklich vor, wie von einem anderen Stern.
Beim Besichtigen der zerstörten Buddas (die Uno restauriert die Kulturdenkmäler derzeit, so gut es geht), treffen wir drei amerikanische Touristen. Für 10 Dollar haben sie sich Einlaß in den gesperrten Innenbereich der Buddas erkauft und wir dürfen mitkommen. Die Jungs fangen natürlich sofort an, in den Ruinen herumzuklettern, um Photos zu schießen. Dabei brechen dicke Gesteinsbrocken aus der Wand heraus, was mit Gejohle zur Kenntnis genommen wird. Super Aktion, die mal wieder von der hohen Achtung vor uralten kulturellen Schätzen zeugt... großartig!
Die berühmten Höhlenstaädte von Bamyan mit den Ex-Buddhas
Am folgenden Tag heuern Waheedullah und ich dann einen Taxifahrer an, der uns in dreistündiger Fahrt, über noch holperigere Pisten als am Vortag nach Band-e-amir fährt, einem See mitten in der Steppen/ Berglandschaft Afghanistans. Das Taxi rutscht auf der Piste hin und her, während der Fahrer uns lachend erzählt, dass das Autowrack, welches wir vor uns sehen, von der Straße abgekommen war und direkt in ein Minenfeld gerast ist. Dazu drückt er noch mal ordentlich das Gaspedal durch.
Als wir den See aus einiger Entfernung sehen können, sind wir schwer beeindruckt. „Das wird in der Zukunft einmal eines DER Tourismusziele Afghanistans sein“, denke ich mir. Azurblaues Wasser, umrahmt von einer unwirklichen, malerischen Landschaft.
Am See angekommen stelle ich fest, dass die Zukunft schon längst begonnen hat. Eine deutsche Touristengruppe, komplett mit Napfhüten und Photoausrüstungen ist schon da. Ich halte nur einen kurzen Plausch, dann mache ich mich mit meinem Begleiter zu einer Wandertour rund um den See auf. Ich will jetzt hier auch gar nichts weiter schreiben, die Bilder sprechen denke ich für sich.

29.05.2006
Als ich mich entschlossen habe, ein Praktikum in Afghanistan zu absolvieren, habe ich natürlich mehr als einmal über die Gefahren nachgedacht, die damit verbunden sind. Ich habe versucht mir auszumalen, in welche Situationen ich kommen könnte und wie ich regieren würde.
Aber natürlich sieht die Wirklichkeit anders aus!
Diesen Montag werde ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht vergessen. Zum einen weil ich erlebt habe wie es ist sich in Lebensgefahr zu fühlen, zum anderen weil ich viel über Menschen und ihr (bzw. mein) Handeln in Extremsituationen gelernt habe.
Aber von Beginn an: Am Montag Vormittag waren plötzlich überall in Kabul die Sirenen von Krankenwagen und Polizeifahrzeugen zu hören. Ein Mitarbeiter, den ich zur Bank geschickt hatte, berichtete, dass viele Straßen in der Stadt gesperrt sind und Schüsse zu hören waren.
Also Fernseher an und Informationen sammeln: Ein US-Militärkonvoi mit schweren Lastwagen hatte in einem Unfall zwei Taxi zermalmt und dabei einen Menschen getötet und viele verletzt. Daraufhin kam es zu spontanen Protesten der Afghanen gegen die GI’s. Die Fahrzeuge wurden mit Steinen beworfen und ein wütender Mob kreiste die Soldaten ein. Wer einmal eine US Patrouille in Kabul hat fahren sehen, der kann zumindest ein wenig Verständnis für die Wut empfinden, denn wer den Anspruch hat in einem Land bestimmte Regeln durchzusetzen, der sollte sich auch selbst an diese halten.
Was passierte nachdem die wütende Menge anfing Steine zu werfen, darüber kursieren unterschiedliche Berichte. Die Militärs wurden wohl nervös und begannen zu schießen.
Nach eigenen Angaben haben sie über die Köpfe der Demonstranten geschossen und zur Hilfe eilende afghanische Polizei hat dann in die Menge gezielt. Andere Stellen berichten, sie hätten selbst das Feuer auf die Angreifer eröffnet und seien dann einfach durch die Menschen hindurchgefahren. Wie auch immer, das Resultat waren 30 Tote und viele Verletze.
Über der Stadt waren Rauchwolken zu sehen, wie sie entstehen wenn Reifen angezündet werden.
Auf einmal waren in einiger Entfernung Schüsse zu hören und das Gerücht kam auf, dass die Ausschreitungen sich in unsere Richtung bewegen würden. Ein weiterer Mitarbeiter rief völlig aufgelöst an und teilte mit, eben wäre gerade vor ihm ein Mensch von der Polizei erschossen worden, er sei gerade noch so entkommen. Langsam brach die Angst aus in unserer Straße. Geschäfte wurden verschlossen und Autos weggefahren. Das kurioseste allerdings war, die Polizisten am nahegelegenen Kontrollposten tauschten ihre Uniformen gegen Zivilkleidung und machten sich vom Acker. Inzwischen war klar, dass unser Viertel Ziel von Angriffen werden würde, da hier viele NGO’s untergebracht sind und viele Ausländer leben, die inzwischen kollektiv Ziel des Zorns geworden waren.
Auf der Straße braut sich was zusammen
Eine deutsche Journalistin, Frederike, die gerade bei uns zu Gast war, schlug vor, eine Leiter an die hintere Wand des Innenhofes zu stellen, um einen zweiten Weg aus dem Gebäude zu haben. Als Geschrei, Glassplittern und vereinzelte Schüsse ganz bei uns in der Nähe zu hören waren, tauchten auf einmal Menschen auf der Mauer zu unserem Nachbargrundstück auf, zuerst ein Mann. Ich dachte: „Scheiße sie kommen!“ Er saß in der Hocke auf der Mauer und ich stand alleine davor. Als ich ihm in die Augen sah, wurde mir allerdings klar, dass er in diesem Moment genauso viel Angst hatte wie ich. Hinter ihm tauchte eine Frau, eine Chinesin, auf und mir wurde klar, dass sich dort wohl die Belegschaft des angeblichen Chinesenpuffs neben unserer Mediothek in Sicherheit bringen wollte. Ich gab ihnen zu verstehen, dass sie rüber kommen sollten. Inzwischen hatten auch die afghanischen Mediotheksmitarbeiter Wind von der Sache bekommen und waren gar nicht begeistert. Die Chinesen waren eine zusätzliche Gefahr für uns, soviel war klar.
Die Puffbelegschaft zu Besuch
Auf den Häusern um uns herum standen auf einmal überall Leute, die sich wohl dort in Sicherheit bringen wollten. Allerdings war nicht klar, ob sie nicht doch eine Gefahr für uns darstellten. Daher mussten die Chinesen und ich uns verstecken, da wir deutlich als Ausländer erkennbar waren. Frederike flüchtete über die Leiter zu den Nachbarn. Bei einer afghanischen Familie ist es in einer solchen Situation sicherer, als in einem Gebäude, das von aussen deutlich als internationale NGO erkennbar ist. Da bei den Nachbarn allerdings nur Frauen zu hause waren, wollten die keine Männer aufnehmen, die Chinesinnen wurden besser erst gar nicht erwähnt.
Ich sollte in ein Zimmer im Erdgeschoss gehen und mich dort einschließen, die Chinesen sollten im Vorraum bleiben. Durch das Fenster konnte ich sehen wie direkt vor unserem Haus auf der Straße Rauch aufstieg, wohl ein brennendes Auto, und ich hörte Geschrei und Fensterscheiben splittern. Außerdem konnte ich hören wie der Mob gegen ein Blechtor trommelte. Aus dem Fenster konnte ich auch die Mauer über die die Chinesen gekommen waren sehen. Ich hörte das Blechtor nachgeben und kurz danach sah und hörte sich wie auf dem Nachbargrundstück, keine 5 Meter von mir weg, die Zerstörung begann. Als es nach 10 Minuten etwas ruhiger wurde, öffnete ich meine Tür, um nach den Chinesinnen zu sehen. Die saßen immer noch verängstigt im Vorraum und bedankten sich bei mir, dass sie bleiben durften. Da mir nichts besseres einfiel, machte ich uns erst mal einen Tee. Dann verließ ich den Gebäudeteil, um die Lage zu erkunden. Zwei meiner Mitarbeiter, ein AIESECer und 9 Mediotheksleute (darunter drei heulende Putzfrauen) waren im Vorhof versammelt.
Die Straße vor meiner Tür
Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich mich nicht mehr in dem Raum verstecken wollte. Daraufhin bekam ich afghanische Kleidung inklusive Kopftuch, damit mich niemand als Ausländer erkennen könne. Ich holte meinen Photoapparat schoss ein paar Bilder. Vom Nachbargrundstück stieg Rauch auf.
Plötzlich wurde der Rauch stärker und Flammen schlugen hoch. Es hatte wohl jemand einen Molotovcocktail in das Gebäude geworfen. Die Flammen schlugen über die Mauer unseres Grundstücks. Wir begannen die Holzteile von der Mauer zu reißen, sowie die EDV-Gegenstände aus dem direkt angrenzenden Büro zu retten. Hier machte sich meine Verkleidung bezahlt, denn lediglich die Nase hat eine ordentliche Dosis Hitze abbekommen.
Feuer im Nachbarshaus
Falls es hier so aussieht als ob ich grinse, dann ist das warscheinlich nur die Freude über die gelungene Verkleidung
Als das Gebäude in hellen Flammen stand gab es nicht mehr viel was wir tun konnten, denn der Strom für die Wasserpumpe war auch inzwischen ausgefallen.
Der Chinesenpuff brannte bis auf die Grundmauern herunter, unter dem Gejohle kleinerer Gruppen, die immer noch auf den Straßen herummarodierten.
Nach über drei Stunden Anarchie erschien endlich Polizei auf den Dächern. Weiter die Straße hinauf, war erneut Gewehrfeuer zu hören. Die Polizei wollte uns evakuieren, unsere Afghanen hatten dafür aber nur Protest und Anschuldigungen über: „ Ihr wollt doch nur, dass wir hier abhauen, damit ihr das Haus ausräumen könnt!“ Soviel zum Image der Ordnungshüter.
Nach drei Stunden Chaos erscheint die Polizei
Jetzt als es ruhig wurde, kam auch Frederike zurück. Sie entschloss sich, einen Fahrer des Goetheinstituts Kabul zu bitten, sie abzuholen, da es dort sicherer sei. Ich wollte zunächst bleiben, allerdings bestand die Gefahr, dass sich herumspräche, dass wir die Chinesen aufgenommen haben, also nahm ich das Angebot, welches einer meiner Mitarbeiter (Jawanshir) mir gemacht hatte an, die Nacht bei seiner Familie unterzukommen. Gemeinsam mit ihm und in meiner „Original Afghane“ Verkleidung ging es in einem Taxi durch die Stadt. Das Gebäude der Hilfsorganisation CARE war ebenfalls abgebrannt, an manchen Wänden sah man Spuren von Molotovcocktails, viele Scheiben waren zersplittert.
Das ausgebrannte Nachbarshaus
Wie Jawanshir mir nach der Fahrt erklärte, hätte meine Verkleidung wohl funktioniert. Der Fahrer hätte die ganze Zeit über gegen die dekadenten Ausländer gewettert.
Bei seiner Familie wurde ich herzlich aufgenommen. Wir haben lange über Afghanistan und Politik diskutiert und sein Vater hat die ganze Nacht über Wache gehalten.
Schönheit liegt ja im Auge des Betrachters. Schönheit und Ästetik haben aber wohl auch eine kulturelle Dimension. Dafür, dass mein deutscher/europäischer Sinn für Ästetik sich nicht immer mit dem afghanischen Deckt, sind mir in der vergangenen Woche zwei schöne Beispiele begegnet.

Echt cool und weltläufig, oder?
Auf der größten Messe Afghanistans, der „Investing in Afghanistan“ darf ich mit „meiner“ Firma natürlich nicht fehlen. Also Messestand gemietet, Broschüren und Poster gedruckt und meinen Jungs noch schnell eine Verkaufsschulung verpasst.
Waheedullah und Khalid in unserem Messestand
Auf der Messe sind wir Teil des „German Pavillon“, der vom BDI organisiert wird.
Zusätzlich zur Messe gibt es eine Kabul-Rundreise für die deutsche Delegation.
Mit 20 anderen deutschen (bzw. größtenteils deutsch/afghanischen) Geschäftsleuten besuche ich Firmen Regierungsstellen und die afghanische Handelskammer. Am ersten Abend gibt es einen Empfang in der deutschen Botschaft. Endlich mal wieder ein paar echte Bier hinter die Binde gießen, und das auch noch in Gesellschaft des Botschafters.
Besonders erwähnenswert an der ganzen Reiseaktion ist zum einen die Polizeieskorte, die unseren Bus mit lautem Sirenengeheul und Megaphonansagen durch den Stau gelotst hat, zum anderen die Firma Hoch-Pharma. Hoch-Pharma ist ein privatisiertes Unternehmen, das komplett auf die ehemalige Hoechst AG aufbaut, die hier in den 70ern eine komplette Fabrikation importiert hat. Die beiden deutsch/afghanischen Besitzer sind sehr stolz darauf, dass fast alles, was Hoechst seinerzeit ins Land geschafft hatte, so noch erhalten und in Benutzung ist. Auch das Gebäude ist ein Hoechst-Produkt, so wie die Firma es standardmäßig an allen Produktionsstandorten errichtet hat. Das ganze ist eine Art Zeitreise in die deutschen 70er Jahre. Vom orangen Telefon mit Wählscheibe über die furnierten Schreibtische bis zur Lochkarte (richtige Computer sind hier Fehlanzeige – also für mich auch kein Geschäft zu machen) alles original. Wer also vorhat, so was wie „Der große Bellheim“ in einer 70th Version zu drehen, hier ist er richtig. Natürlich ist auch die ganze Produktion stilecht, was aber auch Sinn macht, da die alten Maschinen leichter zu reparieren und weniger anfällig gegen Stromschwankungen sind.
Zum Abschluß noch eine letzte Anekdote der Rundreise: Beim sammeln im Hotel schnacke ich mit einem Vertreter von ARIAN Naturdärme (hö,hö), ein weiterer Deutsch/Afghane und stelle fest, dass er aus Braunschweig kommt. Ich befrage ihn nach der afghanischen Community in BS und speziell danach, ob meine Vermutung richtig sei, dass der Besitzer meines Lieblingscafes (Journal am Wollmarkt) Afghane sei. Darauf er: „Ja, dass ist der Herr da drüben!“ Kleine Welt!
Ach ja, die Messe war dann ganz ok, ein paar Neukunden sollten rausgesprungen sein. Mal sehen.
Besonders beeindruckend waren hier die kleinen Kinder, die durch irgendwelche Zaunlöcher auf das Gelände gelangt sind und nun, ständig verfolgt von den Wachmännern, versuchen, alles abzugreigfen was die Messestände hergeben. Gut, dass der BDI uns mit Coladosen versorgt, so können wir immer ordentlich verteilen. Zusätzlich habe ich mal meine Gummibärchen-Vorräte mitgebracht, die reißenden Absatz finden.
Der ein oder andere wird es bemerkt haben, meine Berichterstattungsfrequenz ist deutlich zurückgegangen. Grund dafür ist, dass mich mein Job hier inzwischen stark in Anspruch nimmt und fordert.
Innerhalb von drei Wochen habe ich 5 Afghanen eingestellt, ein Büro eingerichtet und angefangen die Jungs, hauptsächlich Studenten, auszubilden.
Meine Hauptziele sind dabei:
1.) ein Team aus ihnen zu formen, das auch wenn ich hier nicht mehr den Chef spiele, noch effektiv arbeiten kann
2.) die Firmenphilosophie in ihrem handeln zu verankern
und
3.) eine Marketingstrategie zu entwickeln, die zu diesem Land passt.
Zunächst mal scheint das alles noch schwieriger, als man sowieso schon meinen sollte.
Ein Informatiker, der schon bei Word an seine Grenzen stößt.
Ein absolut westlich ausgerichteter Afghane, der aber ausgerechnet in Sachen Zeit und Ausdauer afghanischer als jeder Afghane ist.
Ein BWLer, der nach einem zweimonatigen Praktikum bei der Commerzbank meint, das wir unser kleines 6-Mann Unternehmen unbedingt an dieser tollen Bank ausrichten müssen (ich hasse die Commerzbank... allein der Name ist doch schon scheiße).
Ich könnte diese Liste der Demotivation noch weiter ausführen und will auch nicht verheimlichen, dass die erste Woche echt die Hölle war.
ABER, ziemlich schnell sind inzwischen die ersten Erfolge zu sehen. Ich habe den Jungs erklärt, dass ich in den nächsten drei Monaten weniger Chef, sondern vielmehr Trainer und Coach für sie sein werde und dass es an ihnen liegt, sich hier einen perfekten Arbeitsplatz zu schaffen. Ich versuche den Rahmen für Entscheidungen also möglichst weit zu stecken und mehr zu beraten, als Anweisungen zu geben.
In Sachen Büro hat das zumindest schon mal geklappt. Ich habe ein Budget vorgegeben und lediglich in Sachen Bürotisch selbst eine Entscheidung getroffen. Bei allen anderen Dingen, vom Computer bis zur Büroklammer, haben meine Jungs Preise eingeholt, verglichen und gefeilscht, bis wir aus der vorgegebenen Summe eine perfekte Büroausstattung zusammen hatten. Nebenbei haben sich dann auch die Talente der einzelnen gut abgezeichnet.
Jetzt habe ich einen Verantwortlichen für die Finanzen, der seinen Job absolut super macht, und einen für Verträge, Listen und Formulare. Meine beiden „Lieblingsjobs“ also schon mal elegant wegdelegiert.
Zumindest einer meiner Informatiker hat wirklich was auf dem Kasten. Dem anderen habe ich erst mal die Rolle des Kundenbetreuers zugewiesen, da er zumindest gut labern kann und beim dritten bin ich noch gespannt, was er wohl gut kann. Er ist zumindest einer der wenigen Afghanen, der ein wenig Ahnung vom Programmieren hat.
Apropos Kunden, die ersten 4 sind schon gewonnen!
Kabul ist laut, dreckig und staubig. Da nutzt man gerne jede Gelegenheit um aus der Stadt herauszukommen. Das geht nicht nur den Ausländern so, sondern auch den Einheimischen.
Sultan Karimi, der Chef der Mediothek, hat mich für diesen Freitag eingeladen, mit in sein Landhaus in den Hügeln vor Kabul zu kommen, zu einem Picknick mit Freunden, darunter viele Deutsche.
Als wir mit den Geländewagen den unwegsamen Pfad, vorbei an Nomaden und ihren Schafherden, bezwungen haben, bin ich beeindruckt von dem Bauwerk, dass Sultan hier in der Einöde errichten lassen hat. An einen der Hügel schmiegt sich eine kleine Burg, mit zwei Türmen und einem großen Innenhof. Mit ihrer Mischung aus klassischen afghanischen und irgendwie deutsch wirkenden Elementen, fühlt man sich fast ein wenig an den Rhein versetzt.
Das Picknick findet aber vor der „Burg“ statt und auch hier hat Sultan wert auf die Optik gelegt. Ein großer Baldachin aus Samtstoff, darunter dicke Teppiche und jede Menge Kissen laden die Gäste zum typisch orientalischen Hinfläzen ein. Es gibt jede Menge Essen und die Anwesenden Europäer tauschen sich rege aus. Unter anderem treffe ich Heinz, den deutschen Nationaltrainer der afghanischen Nationalmannschaft. Er arbeitet für den DFB und hat neben dem Trainerjob noch den Auftrag ein Ligasystem in Afghanistan zu etablieren. Nach diesen Infos war ich ja schon lange auf der Suche. Die Möglichkeit ein Spiel im Kabuler Nationalstadion zu sehen, rückt ein Stück näher. Werde Heinz demnächst mal anrufen.
Vollgefuttert und braungebrannt geht es am Nachmittag wieder zurück in die Staubmetropole.
Eine Woche später habe ich noch einmal die Gelegenheit, das schöne Domizil zu nutzen. Diesmal weniger pompös, dafür afghanischer mit Sultans Familie. Es wird zünftig mit Fingern gegessen (auch die Suppe... das können nur Afghanen) und ich habe ein bisschen Angst um meinen Magen, da es leider nur Leitungswasser zu trinken gibt, welches gut gekühlt mitgebracht wurde. Nervös macht mich dabei vor allem, dass es in dem Haus noch keine Toilette gibt. Aber mein Magen scheint sich schon gut akklimatisiert zu haben.
Am Nachmittag zeige ich den Jungs der Familie, die mich „Coco Khareji“ = „Onkel Ausländer“ nennen, wie die deutschen Fußballtugenden aussehen.
Ein befreundeter AIESECer (und inzwischen auch Arbeitnehmer bei mir) hat mich zur Hochzeit seines Bruders eingeladen. Warum? Ich glaube weil es chic ist, Internationals auf diesen wichtigsten Veranstaltungen des afghanischen Gesellschafslebens zu haben.
Eine Hochzeit ist in Afghanistan nicht einfach ein Freudenfest, sondern eine höchst komplizierte Angelegenheit. Das Fest muß möglichst groß und pompös sein, die Erstellung der Einladungsliste ist hohe Politikkunst (noch mehr als in Deutschland), da die Familienstrukturen weit verzweigt sind, und natürlich sollte die Veranstaltung möglichst in einer der vielen, speziell für Hochzeiten errichteten Wedding Halls, stattfinden. Diese erinnern ein wenig an Las Vegas, da sie bunt beleuchtet sind und mit jeder Menge Kitsch aufwarten (z.B. pinke Plastikpalmen an der Auffahrt). Kitsch ist auch so ein Thema mit dem man hier ein ganzes Buch füllen könnte, denn die vielen Rückkehrer (vor allem die aus Pakistan) sowie die starken Einflüsse Indiens haben zumindest in Kabul schwere Störungen in der ursprünglichen afghanischen Architektur angerichtet.
Aber zurück zur Hochzeit.
Mehr als 150 männliche Gäste befinden sich in der Halle, die ich betrete. In dem großen Raum hängen Kronleuchter, vor den Fenstern schwere Vorhänge. In der Mitte teilt eine 2 Meter hohe Stellwand den Raum in zwei Teile. Auf meiner Seite der Stellwand tanzen die Männer, dahinter feiern die Frauen, alles sauber getrennt.
Auf kleineren Hochzeiten - wenn nur Familienmitglieder anwesend sind- gibt es auch gemeinsame Feiern – in diesem Fall, mit externen Gästen, ist das so aber nicht möglich.
Die Band spielt einen bunten Mix aus afghanischer Folklore und moderneren Hits (Modern Talking ist auch dabei) und die Männer toben sich gleich zu Beginn der Feier beim Tanzen aus. Ein Kameramann ist unterwegs und filmt das Geschehen. Wie ich später von Kyle erfahre, werden die Bilder live auf der anderen Seite der Stellwand auf einem großen Bildschirm gezeigt. Auch die Frauen werden gefilmt und auf ihrer Seite werden die Tanzbilder auf einem geteilten Bildschirm zusammengeschnitten, so dass der Eindruck entsteht, Frauen und Männer würden zusammen tanzen. Da die Frauen annehmen, auf der anderen Seite ebenso ein Bildschirm steht, auf dem sie zu sehen sind, geben sie sich unheimlich Mühe, möglichst verführerisch zu tanzen, um die Männer für sich zu begeistern.
Gibt aber leider keinen Bildschirm auf unserer Seite – Schade.
Dann kommt der wichtigste Teil des Abends: Das Essen.
Bevor das Essen allerdings auf die runden Tische mit teurer Tischdecke kommt, die in dem, bei allem Kitsch eigentlich recht stilvoll wirkenden Saal stehen, bedarf es einiger Vorbereitung. Rosa Planen werden auf den Tischen ausgebreitet! Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, ein schöner Stilbruch. Im Einklang dazu tragen die Kellner in Formation große Platten mit Speisen in den Raum und verteilen sie auf den Tischen. Sieht wiederum sehr gut aus. An die Formation schließen sich zwei weitere Kellner an, die in großen Plastikmülleimern Pepsicola in Dosen schleppen – Perfekt.
Das afghanische Essen ist echt lecker, da kann man nix sagen. Am liebsten mag ich Mantu, so eine Art Maultaschen mit leckerer Soße.
Nach dem Essen denke ich, dass die Feier jetzt wohl richtig losgehen wird, aber weit gefehlt.
Fast alles geht nachhause. Ich und meine Begleiter also auch.
Von Kyle erfahre ich allerdings am nächsten Tag, dass ein harter Kern doch noch bis tief in die Nacht gefeiert hat und zum Schluß, als nur noch Familienmitglieder (männlicherseits) anwesend waren, auch die Stellwand entfernt wurde.
Hier noch ein Bild der Hochzeitsgesellschaft. Das Schminken und die Bekleidung der Braut und ihrer „Brautjungfern“ ist ein riesiger Wirtschaftszweig hier im Land. Es gibt unzählige Läden, die sich diesem Thema gewidmet haben. Wer jetzt genau hinguckt, kann sich selbst ein Bild dieser Kunst machen.
O-Ton Kyle: “She looked like a Drag-Queen!“
Hier kommen mal ein paar Bildimpressionen aus dem afghanischen Lebensmittelhandel.


16.-17.04.2006
In meiner Zeit bei AIESEC habe ich mich ja sehr viel damit beschäftigt Mitarbeiter zu werben, auszuwählen und einzubinden. Genau das wird in den nächsten Wochen meine Aufgabe für PAIWASTOON sein, nur dass ich hier sogar mal mit einem Gehaltsscheck wedeln darf.
Als Startpunkt habe ich dafür die „Future Buisiness Leaders Conference“ gewählt, die AIESEC Afghanistan an zwei Tagen ausrichtet. Mein Chef, Herr Schlabach, ist extra zu dieser Konferenz für ein paar Tage aus Deutschland angereist.
Der erste Tag spielt sich an der Kabul University ab. Mein Chef gibt einen Workshop zum Thema „Afghan Impact on the Internet“ und ich führe jede Menge Gespräche mit jungen afghanischen Studenten, um ihnen einen Job bei mir schmackhaft zu machen bzw. mir die fähigsten dafür herauszupicken.
Der zweite Tag, die Teilnehmerzahl wurde von 500 auf 200 eingedampft, wird im Intercontinental-Hotel abgehalten. Jede Menge Reden, die meisten mit dem Inhalt „Wir können stolz sein Afghanen zu sein, weil wir Afghanen sind“ und ein leckeres Buffet warten auf uns. Am Ende des Tages habe ich Unmengen Visitenkarten verteilt und hoffe dementsprechend auf jede Menge Bewerbungen in den nächsten Tagen. Zum Ausklang spielen noch Musiker der Aga Khan Musikschule im kleinen Kreis und ich erlebe das erste mal wie afghanische Männer feiern. Mir persönlich macht ja wildes Tanzen ohne Frauen nicht so einen Spaß.
Ich lausche im Interconti den Reden zum Thema "Business Leadership". Neben mir der Präsident von AIESEC International, Brodi, und Herr Schlabach, mein Boss (mit Laptop)
Ich führe aber noch ein nettes Gespräch mit dem Manager der Musikschule und genieße den Ausblick vom Interconti über Kabul.
14.04.2006
Die Chancen ohne Auto mal aus Kabul herauszukommen sind eher gering, daher freue ich mich um so mehr über eine Einladung von Mirwais (dem mit dem „ersten Mudschahedin Bruder“). Mit Kholids rotem Kleinbus geht’s raus in die hügeligen Ausläufer des Hindukusch vor den Toren Kabuls. Hier besitzt Mirwais (der wie ich erfahre ein direkter Nachkomme des Propheten Mohammed sein soll) ein Gestüt. Auf dem Weg dorthin will Kholid tanken, aber keine der Tankstellen hat mehr Diesel – also wird einfach mal Normalbenzin in den Tank gekippt. Die Karre fährt jetzt nur noch knappe 40 Sachen aber was solls, gibt ja auch viel zu gucken. Mir wird erklärt, dass das ganze Gebiet hier draußen noch vor wenigen Jahren dicht bewaldet war. Inzwischen sieht man so gut wie keinen Baum mehr – die Russen haben alles niedergebrannt, um die Region besser kontrollieren zu können.
Als wir bei Mirwais ankommen soll es erst mal einen Ausflug zum Alexanderhügel geben. Alexander der Große soll hier seinerzeit ein Basislager errichtet haben. Da ich erkältet bin und meine Pferdeallergie sich zusätzlich auch schon leicht bemerkbar macht, überlasse ich das Reiten anderen und lasse mich stattdessen mit einem Geländewagen durch die unwegsame Gegend chauffieren. Auf den Alexanderhügel wird natürlich gewandert.
Beim Durchfahren der kleinen Dörfer und Gehöfte auf dem Weg fallen mir immer wieder weiße Markierungen an Hauswänden und Mauern auf. Auf Nachfragen wird mir erklärt, dass hier Minenfelder ausgemacht wurden und die Zeichen Aufschluss darüber geben, ob diese bereits geräumt wurden. Bei der Wanderung ist mir entsprechend mulmig zumute.
Afghanische Folklore - aber keine Touristen! Eine spontane Jamsession
Wieder zurück in Mirwais Landhaus, gibt es erst mal ein ordentliches Kebabfrühstück und anschließend afghanische Livemusik. Sehr stylisch.
13.04.2006
Nach zwei Wochen Strategieplanung in Deutschland soll es jetzt ernst werden und die Arbeit in Kabul wird richtig losgehen. Es gilt ein Team zusammenzustellen und den Markt zu erobern.
Für diese Aufgabe werde ich bei meiner Rückkehr nach Afghanistan standesgemäß empfangen. Eine Strechlimosine steht am Flughafen bereit!
Mit der Streachlimo vors Interconti
Na gut, der Empfang gilt eher Brodi, dem Präsident von AIESEC International, der mit der selben Maschine wie ich eingeflogen ist, um dem neuen AIESEC-Land Afghanistan einen Besuch abzustatten. Trotzdem profitiere ich natürlich davon und lasse mich mit dem edlen Teil durch die Straßen Kabuls gondeln. Wenn einem als westlichen Ausländer schon alle Aufmerksamkeit auf der Straße gehört, so gilt das jetzt potenziert. Ein wildes Hälserecken und Fingerzeigen, das Geschoss das die AIESECer von einem ihrer Partner geliehen bekommen haben erregt jede Menge Aufmerksamkeit.
Etwas, was ich immer wieder faszinierend finde, ist mit dem Taxi durch Kabul zu fahren.
Von Fahren kann man zwar meist nicht sprechen, da die Rushhour morgens um 7 beginnt und erst gegen 19 Uhr endet, wenn aber mal ein paar Meter freie Straße in Sicht sind, dann wird das Pedal auch durchgetreten. Die Vorfahrt muß generell erzwungen werden und auf den Kreuzungen entstehen groteske Automosaike, denn anscheinend sind sich die Afghanis nicht so recht einig, ob nun Rechts- oder Linksfahrgebot herrscht. Beim links abbiegen zum Beispiel, wird auch schon mal in den Gegenverkehr hinein abgebogen, so das die entgegenkommenden Fahrzeuge halt so lange warten müssen, bis sich in der in Fahrtrichtung fließenden Blechlawine eine eine Lücke ergibt, in die man hinein stoßen kann. Hauptsache man hat erstmal den Abbiegevorgang erfolgreich durchgeführt und ist nicht im Strom der Fahrzeuge weiter gespült worden.
Dabei wird natürlich immer ordnungsgemäß gehupt!
Es ist übrigens wirklich interessant, wie viele von diesen Hupmelodien es gibt, da gibt es hier echt einen Markt.
Die Taxis selbst sind gelb, es gibt unzählige davon in Kabul und die Preise unterscheiden sich für hiesige Verhältnisse drastisch (die Preise für eine Fahrt im Stadtgebiet bewegen sich zwischen 70 Cent und 1,40 Euro).
Es gibt uralte Kisten, mit völlig abgefahrenen Reifen und unzähligen Beulen aber auch neuere Fahrzeuge (mit genauso vielen Beulen).
Altes und neues Taxi auf den schlammigen Straßen Kabuls
Im Innenraum ist meist das Armaturenbrett schön mit Teppich verziert und es hängen Afghanistan-Wimpel am Rückspiegel. In jedem Taxi mit dem ich gefahren bin, war die Frontscheibe gesprungen, und zwar nicht so ein kleiner Riß am äußeren Rand, sondern ein fetter quer über die gesamte Breite. Zum Glück gibt es ja Ahmed Schah Masud, der im DinA4 Format einen stabilisierenden Faktor mitten auf der Scheibe bildet.
Die absolute Ausnahme: Ein Taxi mit intakter Windschutzscheibe und eine freie Straße
(Ibrahim hat sich übrigens sehr gefreut, dass ich ihn bei der Arbeit photographiren wollte)
Was ich aber eigentlich faszinierend an den Taxifahrten finde, sind die Eindrücke, welche massiv auf einen einströmen. Wie gesagt müssen die Autos wegen des Verkehrsaufkommens langsam fahren, so dass man intensiv beobachten kann. Man fährt vorbei an den Ladenzeilen, an denen auf dem Bürgersteig, im Staub Kabuls und den Abgasen der Autos Pommes auf dem offenen Feuer frittiert, Obst, Fisch oder Rindshälften angeboten und verschiedene Tees ausgeschenkt werden. Es gibt Läden in den raubkopierte Filme und Computerprogramme verkauft werden. Männer fahren ihre in Burkagehüllte Frauen auf dem Fahrrad spazieren, Kriegsversehrte bieten Telefon-Credit-Cards an und Bewaffnete Sicherheitskräfte stehen in lässiger Pose vor ihren zu schützenden Objekten.
Dazu dröhnt aus dem Autoradio orientalische Popmusik – diese Szenen könnte man ungeschnitten im Fernsehen senden.
Laut deutscher Botschaft wird vor Taxifahrten auch gewarnt (wegen Entführungen), was für mich bedeutet, dass ich meist einen afghanischen AIESECer bitten muß, mit mir zu fahren. Als ich gestern früh am Morgen fahren mußte, hat mir der Guard der Mediothek ein Taxi gestoppt und dessen Kennzeichen aufgeschrieben (und den Fahrer dies auch angezeigt). Schon krass.
Weil es wahrscheinlich erwartet wird, will ich an dieser Stelle auch ein paar Zeilen über die Burka schreiben, das Ganzkörpergewand für Frauen, das während der Talibanzeit weltweite Berühmtheit, als Merkmal der Unterdrückung der Frauen erlangt hat.
Ein kurzer geschichtlicher Abriss: Die Burka wurde von einem Afghanischen König eingeführt, um den Frauen seines Harems die Möglichkeit zu eröffnen, den Palastbereich zu verlassen und durch die Stadt zu gehen. Die Schönheit dieser Frauen war legendär und ihr Anblick allein dem Schah vorbehalten.
Schnell setzte sich das Tragen einer Burka als Zeichen von adliger Herkunft und schließlich als Symbol für Reichtum durch. Wie auch im europäischen Mittelalter, galt Blässe als vornehm, was auch den Frauen selbst ein Motiv zum Tragen dieses Kleidungsstücks lieferte.
Irgendwann setzte sich die Burka in allen Bevölkerugsschichten durch und wurde in einen Religösen Kontext gerückt.
Es war wiederum wieder die Oberschicht, welche die Burka als erste ablegte und eine stärker am Westen orientierte Art sich zu kleiden bevorzugte. Während der Talibanzeit war die Burka verpflichtend für alle und auch heute noch tragen sie viele Frauen.
Auch die Flüchtlingslager während der diversen Kriege, haben der „Purda“, dem Wegsperren der Frauen aus religiösen Gründen, Vorschub geleistet. Die Männer versuchten so irgendwie ihren Machtverlust zu kompensieren, bzw. in der Enge der Lager Seitensprünge zu vermeiden.
Wenn man durch die Straßen Kabuls geht, trifft man immer noch auf viele mit Burka bekleidete Frauen aber auch auf ebensoviele Frauen, die den eigentlich in Afghanistan traditionell etablierten Schal tragen(ein großes Tuch, das Kopf und fast den ganzen Körper bedeckt, das Gesicht aber frei läßt). Auch sieht man modern gekleidetet Frauen, mit einem einfachen Kopftuch.
Burka beim Einkaufen
Die Burkas in Kabul sind blau, in Mazar i Shrif weiß, in Herat gelb und Khandahar schwarz.
Der Anblick meiner ersten Burka war für mich weniger erschreckend als eigentlich erwartet, den die Frauen haben sich an dieses Kleidungsstück gewöhnt und tragen es mit einer gewissen würde, trotdem ist es natürlich ein komisches Gefühl, wenn man durch das Fadengitter hindurch von unsichtbaren Augen angeschaut wird.
Eine sehr schöne Schilderung über das Tragen von Burkas findet sich in dem Buch: „Der Buchhändler von Kabul“ von , das auch sonst sehr anschauliche Schilderungen über das Leben in Kabul aus unterschiedlichen Perspektiven liefert.
Somit zum Schluß hier also ein Buchtip:
Der Buchhändler von Kabul von Asne Seierstad – absolut lesenswert!
24.03.2006
Was soll jetzt diese Überschrift, wird sich der ein oder andere geneigte Leser jetzt denken. Abwarten, ist eine lustige Anekdote.
Heute war die erste große Versammlung aller afghanischen AIECEr. Markus als ausscheidender Präsident und Mitbegründer von AIESEC in Afghanistan, sowie Mahmut als DER Anschieber der AIESEC Country Extension Afghanistan, sind für einen Monat vor Ort, um ihre Arbeit nach drei Jahren endgültig in die Hände lokaler Verantwortlicher zu legen.
Dieses Treffen soll dazu dienen, sich gegenseitig besser kennen zu lernen und ein gemeinsames Verständnis sowie Ownership für die demnächst anstehenden „Future Business Leaders Conference“ zu kreieren.
Ich habe später noch einen Termin, bin aber zu Beginn dabei, um mich als neuer Trainee vorzustellen. Da Aimal bei meiner Ankunft Probleme hatte meinen Namen auszusprechen, hatte ich ihm erlaubt mich SchahSchah zu nennen. So ähnlich hatte mich früher auch immer mein spanischer Fußballtrainer gerufen, so dass das eine Art alter Spitznahme ist.
Jetzt stelle ich mich also vor und einige in der Runde brechen sich einen ab, bei der Aussprache von Sascha. Daraufhin erlaube ich ihnen gönnerhaft mich Schascha zu nenen.... betretenes Schweigen! Zum Glück saß ja Mahmut mit der Runde, der, da er in Deutschland aufgewachsen ist, die Komik der Situation verstand und zur allgemeinen Heiterkeit auflöste.
Sonst hätte mir wohl niemand gesagt, dass ich mich gerade anstatt als „König-König“ (SchahSchah) als „Pisse“ (SchaScha) tituliert hatte. Wie soll man darauf auch kommen, wenn man aus einem Land kommt, in dem die Bedeutung von Namen fast in Vergessenheit geraten ist.
Und wehe jemand labert mich jetzt auf MSN mit Schascha an, klar!!!!
Es ist das Bild von Ahmed Schah Masud, der als Kriegsheld und Befreier verehrt wird.
Shah Ahmed Masud, eine afghanische Ikone
Masud, einer der wichtigsten Protagonisten der Nordallianz, genießt hier einen Status, vergleichbar mit dem Che Guevaras und seine Posen sowie sein Charisma erinnern tatsächlich an den berühmten Revolutionär. Mehr zu Masud
23.03.2006
In Kabul selbst sieht man viele zerstörte Gebäude und kann erahnen wie diese Stadt gelitten hat als die Warlords Masud, Hekmatyar und Dostam sich von ihren jeweils besetzten Hügeln aus mit Raketen beschossen haben.
Noch deutlicher vor Augen tritt die erst vor kurzem beendete Ära der Kriege (Sowjetunion, Bürgerkrieg, „Anti-Terror-Kampf“) beim erklimmen des Mausoleumhügels (siehe vorheriger Bericht).
So weisen zunächst die Gebäude am Stadtrand eindeutige Einschußlöcher auf.
Der kleine rote Bus kämpft sich die Serpentinen hinauf, vorbei an einem Friedhof, der einen kompletten Nachbarhügel einnimmt. Das typische ocker, das als Farbe die komplette Landschaft prägt, wird hier durch unzählige kleine grüne Fahnen bereichert, die neben den tausenden Grabsteinen errichtet wurden (grün ist die Farbe des Islam).
Ein anderer Hügel in der Nähe gibt mir eine Erklärung dafür, worüber ich beim lesen meiner Afghanistan-Literatur noch verwundert die Stirn gekräuselt hatte: Die Taliban haben während ihrer Regierungszeit zahlreiche Verbote erlassen, darunter das Verbot 'Drachen steigen zu lassen'. Auf diesem Hügel, auf den wir nun Blicken, lassen dutzende von Kindern ihre Drachen steigen und mir fällt erst jetzt auf, dass es verhältnismäßig viele Drachen in den kleinen Läden an Kabuls Straßen zu kaufen gibt. Die Afghanis bestätigen, dass dieser Sport hier sehr populär ist.
Von unserem Hügel aus, bietet sich eine tolle Aussicht über die Dächer Kabuls
Aimal, Khalid, Waheed und Mahmut
Als wir endlich an der Anlage oben auf dem Hügel angekommen sind, finden sich auch dort massive Spuren der Kriege. Massenmeise Patronenhülsen und Reste von Artillerie-Munition liegen herum. Aus einer der schmalen Scharten des riesigen Gebäudes ragt das Rohr eines zerstörten Geschützes. Die Anlage selbst weist viele Spuren von Raketentreffern auf, die allerdings dem aus dicken Lehmmauern bestehenden Gebäude nur wenig Schaden zufügen konnten.
Zerstörte Artillerie
Am Tor des Gebäudes sitzen drei bewaffnete Männer und erklären uns, dass das hier militärisches Sperrgebiet ist und wir umkehren müssten. Sie lassen uns noch ein Foto machen und meinen, dass auf diesem Hügel die Truppen von Ahmed Schah Masud gestanden hätten.
23.03.2006
Durch langjährige Mitarbeit bei AIESEC habe ich mich ja eigentlich schon recht intensiv mit der Thematik „Interkulturelle Kompetenz“ auseinandergesetzt und konnte auch schon so manche praktische Erfahrung sammeln, wie sich unterschiedliche Weltsichten im täglichen Leben/ Zusammenleben bemerkbar machen.
Heute ist mir aber mal wieder ein besonders beeindruckendes Beispiel begegnet.
Schon bei meiner Ankunft in Kabul war mir auf einem der vielen Hügel in und um die Stadt, eine Burg oder eine Art Mausoleum aufgefallen, mit recht großen Ausmaßen, ziemlich gut erhalten und vor allem alt aussehend. Gerade im Kontrast zu den meist kleinen Bauwerken und der Zerstörung, die sonst das Stadtbild prägen, eigentlich sehr auffallend.
In der Annahme, dass es sich um ein wichtiges Stück afghanisches Kulturgut handelt, wollte ich wissen, was denn das nun sei. Als Antwort bekam ich nur fragende Blicke von meinen afghanischen Begleitern und ein kurzes knappes „irgendeine militärische Anlage“.
"Irgendeine Militärische Anlage"
Da der Ausflug zum Pferdezüchter leider auf unbestimmte Zeit verschoben werden mußte (Planung ist hier relativ), haben Markus, Mahmut, Wahid, Aimal, Khalid und ich uns entschlossen, uns das "Burg Ding" mal näher anzuschauen.
Ich versuche noch einmal herauszubekommen, um was für eine Anlage es sich denn nun handelt, bekomme aber wieder keine Antwort. Ehrlich gesagt hatte ich wirklich den Eindruck, dass die Jungs der Meinung waren, die Anlage wurde irgendwann während der Kriege der letzten 20 Jahre gebaut.
Auf meine Anmerkung, dass das Teil ja wohl eine ganze Ecke älter sei, meint Waheed nur: „OK, this things are just here, nobody cares about. Today is important, not yesterday.“
Da das unter unseren Afghanis einhellige Meinung war, muß ich jetzt wohl versuchen, dass in mein Kulturverständnis dieses Landes einzuarbeiten, was für mich als Historiker nicht leicht sein wird. Zumal diesem Volk geschichtsbewußtsein nicht unbedingt abgeht, Traditionen und die Namen vergangener Herrscher sind durchaus präsent, nicht zuletzt das Parlament fußt auf der althergebrachten Loya Jirga, der Pashtunischen Stammeszusammenkunft.
22.03.2006
Am nächsten Morgen hören wir schon wieder von Khalid. Er ruft uns aus einem Stadion in Kabul an, wo gerade ein Bushkashi-Spiel stattfindet.
Wir, Markus, Kyle, Aemil, Whalid und ich werfen uns also in ein Taxi und los geht’s.
Im Stadion dürfen wir auf der VIP Tribüne Platz nehmen, unter anderem ist dort auch der französische Botschafter.
Bushkashi, der Afghanische Nationalsport
Dabei geht es hoch her. Die Reiter prügeln auf ihre und die gegnerischen Pferde ein, manche fallen aus dem Sattel, Pferde rammen sich, manchmal stürzen sie auch. Am Ende fehlen dem toten Kalb ein paar Beine, und es gab wohl auch ein paar Verletzte (bei einem Gedränge an der Tribüne ist eines der Pferde auf dieselbige gesprungen und hat einen Zuschauer verletzt). Aber auf den Barrikaden stehen lediglich Soldaten, die die Menschenmassen mit scharfen Augen beobachten, keine Tierschützer.
Das tote Kalb muß in den Kreis
Ich stelle während des Matches sehr schnell fest, dass die Pferdehaarallergie, die ich als kleiner Junge mal hatte, immer noch existent ist. Augen geschwollen, Nase läuft, kaum noch Luft... schon Scheiße, denn der einzige Weg aus dem Stadion führt über das Spielfeld. Also aushalten.
Siegerehrung - Sicherheitskräfte sind immer gegenwärtig
Ging aber vorüber und war am Ende eine beeindruckende Erfahrung.
Eine Anmerkung noch, für die, die sagen: "Mit einem toten Kalb zu spielen ist barbarisch!" Natürlich ist das Kalb schon vor dem Soiel tot, natürlich wird auch der Kopf abgetrennt und außerdem wird der Kadaver noch zwei Tage in kaltes Waser gelegt, damit er am Spieltag zäher ist - also... alles halb so wild ;-)
Morgen sind wir von einem Bekannten Khalids eingeladen, der ausserhalb Kabuls Pferde züchtet... einen kleinen Ausritt wagen... mal sehen wie ich das hin bekomme.
21.03.2006
Frohes Neues Jahr allen da draußen!
Heute hat in Afghanistan nach islamischer Zeitrechnung das neue Jahr begonnen.
Und zwar das Jahr 1384.
Natürlich ist das ein besonderer Feiertag und diese Stimmung spürt man überall in den Straßen. Es wird nicht gearbeitet, nur wenige Geschäfte haben geöffnet, die Leute haben ihre besten Sachen angezogen, es wird durch die Straßen spaziert und es werden Photos gemacht. Andere haben ihre gesamte Familie in Kleinbusse gestopft oder auf die Ladefläche ihres LKWs gesetzt und brettern durch die Straßen, natürlich ausgelassen hupend!
Markus, der (deutsche) letztjährige Präsident von AIESEC in Afghanistan ist inzwischen angekommen und gemeinsam mit Kyle schlendern wir durch die Straßen, schauen in der Chicken Street vorbei, in der sich die Souvenierläden auf westliche Ausländer spezialisiert haben und besuchen schließlich Michael, der mit uns „Hamburger“ kochen möchte. Er hat irgendeinen Amerikaner kennengelernt, der in Afghanistan Rinder hochpeppelt und Fleisch produziert. Von dem hat er eine „Probe“ geschenkt bekommen.
Nachdem wir mit spritzendem Bratfett die ganze Küche versaut haben, genießen wir unsere Burger (wir haben extra Brötchen und BBQ-Sauce aus einem speziellen Supermarkt geholt).
Als wir fertig sind und über das Saubermachen der Küche nachdenken hat der Hausverwalter/Guard/Koch/“und-ich-weiß-nicht-welche-Jobs-er-noch-auf-sich-vereint“, die Arbeit bereits erledigt. Ist selbstverständlich hier... aber ein komisches Gefühl. Zum Glück hab ich in der Mediothek keinen solchen „Mann für alles“, sonst würde mein Ordnungsverhalten wohl endgültig versaut werden.
Nach dem essen schlendern wir noch ein bisschen durch die Stadt, begeben uns aber recht früh nach Hause, da die US-Botschaft eine Warnung für diesen Tag an alle US-Bürger herausgegeben hat, dass es eventuell zu Übergriffen kommen könnte. Wahrscheinlich, da an diesem speziellen Tag auch einige Afghanen dem Alkohol in hohen Dosen zusprechen.
Es geht also „nach Hause“ in die Mediothek, wo wir noch einen Film (Brokeback Mountain) schauen.
Spät am Abend kommt noch unerwarteter Besuch. Khalid, ein Kurator von AIESEC, der in Frankfurt eine kulturelle Begegnungsstätte betreibt und eine Mischung aus Künstler, Eventmanager und Geschäftsmann ist, vor allem aber eine echt coole Persönlichkeit, steht mit seinem Onkel vor der Tür. Sie haben uns einen Eimer mit „9Fruits“ mitgebracht, dem traditionellen Neujahrsessen. Neun verschiedene Sorten Trockenfrüchte (dafür ist Afghanistan bekannt), werden in Wasser eingelegt, worin sie zwei Tage ziehen. Schmeckt sehr lecker.
20.03.2006
Die Nacht hindurch hat es geregnet, was hier allgemein begrüßt wird, nicht zuletzt deswegen weil dadurch der Staub eingedämmt wird.
Ob die Alternative so viel besser ist, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die Straßen und Fußwege, soweit diese Bezeichnung überhaupt zutreffend ist, haben sich in eine einzige schlammige Rutschbahn mit riesigen Wasserpfützen verwandelt.
Das Zeug klumpt sich an den Schuhen zusammen, spritzt an den Hosenbeinen hoch und ständig muß man aufpassen, dass man nicht ausrutscht und in einen der Kloakenkanäle am Straßenrand fällt. Zum Glück hatte ich ja eine Kindheit am Fluß, so dass ich zu Schlamm und Matsch eine liebevolle Beziehung entwickeln konnte...
Naja, beim vorankommen nervt er schon etwas.
19.03.2006
Gegen 20 Uhr setzt uns der Fahrdienst von Tolo-TV vor einem hohen Stahltor ab.
Vor dem Tor herrscht Armut, wie überall in den Straßen Kabuls. Hinter dem Tor wartet eine Einladung zur Eröffnung eines neuen Libanesischen Restaurants.
Nach der Einlaßkontrolle erwartet uns eine große gepflegte Rasenfläche mit modernen Designerstühlen (leider ist es heute regnerisch, also nix mit draussen sitzen). Grosse Fensterscheiben ermöglichen den Blick in ein gemütliches, stilvoll eingerichtetes, Restaurant -nicht wirklich luxuriös- aber schon gehobener Standard.
Warum ich dann die Überschrifft gewählt habe?
Weil alles heute Abend gratis sein soll!
Zunächst dachten wir, die Snacks die auf den Tischen standen, wären es schon, aber ziemlich schnell war klar, das da mehr kommen sollte.
Freie Getränke (Bier, Wein, Cocktails), ein Riesenbuffet (und lecker war das alles) und schwere Nachspeisen èn masse. Für die Raucher gab es Zigaretten umsonst und zum Abschluß des Abends gab es Tee/ Kaffee und eine Schischa (Wasserpfeife).
Als es wieder durch das große Stahltor hinaus auf die schlammige Straße ging (wie gesagt, es hatte geregnet), kam einem diese Insel des Reichtums inmitten der Armut umso unwirklicher vor. Dabei war dieses Restaurant eher durchschnittlich unter diesen Inseln. Immer wieder sieht man zwischen den Ruinen und kleinen ärmlichen Häusern beeindruckende Villen hervorragen. Und auch einige Hotels bieten einen Luxus, der einem unter den Umständen wenig angemessen vorkommt. Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, ob es sich bei diesen Objekten um Leuchttürme handelt, die auf ihre Umgebung ausstrahlen, oder ob es Festungen sind hinter denen sich die Wohlhabenden verschanzen.
19.03.2006
Seit heute habe ich einen Darileher (Dari ist neben Pashtu eine der beiden in Afghanistan gebräuchlichen Sprachen), er heißt Ahmad. Er ist ungefähr10 Jahre alt und arbeitet in der Mediothek als Junge für alles. Ich habe ihm ein paar Mini-Ritter-Sport geschenkt, die ich für solche Gelegenheiten dabei habe und seitdem werde ich ihn nicht mehr los. Ich bringe ihm ein bisschen Englisch bei und er mir Dari. Tschoki=Chair, Tschlblat=Sandale, Boron=Regen. Soviel für heute, Rechtschreibung ist nicht inbegriffen.
Ahmad, mein Dari Leherer
Besonders stolz ist er auf seinen Bundeswehr-Parker mit deutscher Flagge auf dem Arm.
„Allemagne“ mag er, sagt er... wohl auch wegen unserer Schokolade.
Er ist ziemlich lernbegierig. Jedes Wort das man ihm sagt, hackt er sofort in den Computer im AIESEC Büro, um zu zeigen, dass er es jetzt kann.
18.03.2006
Bisher habe ich hier nur eine ISAF Patrouille gesehen (2 deutsche Panzerwagen), was mich ein bisschen überrascht. Ich hätte viel mehr davon erwartet. Dafür zeigen die afghanischen Polizeikräfte eine enorme Präsenz, manchmal gibt es auf einer Straße ohne Abzweigungen an die drei Kontrollpunkte.
Italienische Patroillie
Außerdem hat jedes bessere Gästehaus ein oder zwei bewaffnete Sicherheitskräfte vor der Tür stehen (der Wachmann der Mediothek hat allerdings nur ein Luftgewehr, glaube ich). Automatische Gewehre gehören hier also zum allgemeinen Straßenbild. Vor Moscheen steht meist extra ein Hinweisschild: No weapons allowed!
Noch eine kleine Anekdote zum Thema Waffen. Als ich vorhin im Internet-Cafe des Kabul-In Hotels saß, an einer Schaufensterscheibe, die in einen Innenhof blickte, spielte sich vor mir folgende Szene ab.
Ein in US-Militärklamotten gehüllter, afghanischer Sicherheitsmann schickte sich an, mit zwei jungen Bengels Cricket zu spielen. Der Werfer stand schon fest, und der „Sicherheits“-Typ rangelte mit dem andern um den Cricket-Schläger. Dabei war er immer darauf bedacht, seine über den Arm gehängte Kalaschnikov auszuballancieren, die natürlich prompt auf den Boden rasselte. Ich habe mich mal ganz tief in meinen Lehnstuhl gedrückt und gehofft, dass das Ding durch den vielen Staub eh unbrauchbar war.
Als Nordeuropäer denkt man ja, die Italiener haben voll einen an der Waffel, mit ihrem Gehupe in den Großstädten.
Hier schiebt sich eine endlose Blechlawine durch die Straßen, meist 3-8 spurig, obwohl die Straßen auch nicht breiter sind als eine deutsche Landstrasse. Es gibt keine Fahrbahnmarkierungen, nur die Entwässerungskanäle an beiden Straßenseiten stellen eine Barriere dar (bin schon gespannt wie es aus denen riecht wenn es hier warm wird... die sind nämlich voll mit Müll und ich-will-nicht wissen-was).
Um „besser voranzukommen“, sind alle motorisierten Verkehrsteilnehmer ständig am Hupen. Um den Fahrspaß zu erhöhen, werden ständig Überholmanöver in den Gegenverkehr hinein unternommen oder auf Kosten von Fahrradfahrern (das sind sehr oft einbeinige Minenopfer) durchgeführt. Wenn man die Straße überqueren möchte, macht sich eine jahrelange Tetris Erfahrung bezahlt. Man schiebt sich mutig zwischen den hupenden Blechmob hindurch, der irgendeiner geheimen Regel gehorchend Rücksicht darauf nimmt... natürlich nicht, ohne einen Anzuhupen, wobei anzumerken ist, dass ich als Europäer mit einem gewissen Respekt angehupt werde.
Die Hupe ist also einer der wichtigsten Klänge beim durchwandern Kabuls.
Ab und an, hört man auch mal einen tieffliegenden Helikopter und natürlich drei mal am Tag den Muezin. Allerdings kommt der gleichförmige Gesang meist von Kassette und ist nicht live. Minarette gibt es auch nur wenige, da fast alle zerstört sind.
Gestern habe ich eine Geschichte über die britischen ISAF Soldaten gehört. Eines Nachts haben eine Hand voll Tommys den Gebetsrufhitmix gegen eine Abba Kassete ausgetauscht... Kommentare hierzu spare ich mir wegen der political correctness.
17.03.2006
Der zweite Tag in Kabul beginnt mit einer warmen Dusche, etwas was ich schon nach wenigen Stunden in diesem Land ehrlich zu schätzen lerne, denn Wasser – noch dazu warmes – ist nicht ständig verfügbar. Die Dusche befindet sich im einzigen Raum dieses Komplexes, der sanitäre Anlagen aufweist. Auf 5 qm ist hier die öffentliche Kloschüssel, direkt daneben die Dusche (ein Duschkopf in der Decke, der es theoretisch möglich macht, auf dem Klo sitzend zu duschen) eine Waschmaschine und ein Waschbecken untergebracht. Aber eigentlich ist alles den Umständen entsprechend recht sauber – ich kann nicht meckern.
Da der Freitag in Afghanistan entsprechend unserem Sonntag der offizielle Feiertag ist, besteht der Tag hauptsächlich aus „in der Sonne herumhängen“, lesen, Computerarbeit und einem Abstecher ins Internet Cafe „Kabul In“.
Am Abend dieses Tages fällt gegen 9 Uhr der Strom aus und die Kerzen, die ich mitgebracht habe, machen sich bezahlt. Ich weiß gar nicht ob ich überhaupt schon jemals bei Kerzenlicht gelesen habe. Auf jeden Fall lernt man den Umgang mit knappen Recourcen sehr gut: Mein Laptop war natürlich zum Zeitpunkt des Stromausfalls auf Akkubetrieb und der Akku leider fast leer. Das passiert mir nicht noch mal.
Kyle ist heute abend auf einer St. Patricks Day Party in der Botschaft der USA. Für mich war es leider zu spät, mich anzumelden, da die Namen der Gäste der Botschaft drei Tage vorher hätten bekannt sein müssen. So bin ich allein in der Mediothek (das sonstige Personal ist wegen des Feiertags auch nicht anwesend). Ein bisschen unheimlich ist das ehrlich gesagt schon. „Waren dass nicht Schüsse, die irgendwo da draußen zu hören waren?“ Gegen 24 Uhr ist der Strom aber wieder da. Waschen fällt allerdings aus, da das Wasser sich inzwischen auch wieder abgemeldet hat. Also nur das kleine Programm, mit Zähneputzen aus der Wasserflasche.
16.03.2006
Am Abend meines ersten Tages war volles Programm angesagt. Zunächst wurde in der Mediothek, wo ich wie gesagt mit Kyle aus Australien ein Zimmer teile, ein Poetry-Evening veranstaltet. Ein bekannter Kabuler Dichter las aus seinem Buch, anschließend wurde über Poetry diskutiert und Anwesende hatten die Möglichkeit eigene Gedichte zu verlesen. Das alles war natürlich auf Paschtu, einer der beiden Sprachen Afghanistans. Die Dichtung handelte vor allem von Erkenntnissen, welche die einzelnen Personen über sich und ihr Land gewonnen haben – soweit habe ich mich informieren lassen. Dichtung spielt eine wichtige Rolle in der afghanischen Kultur.
Die ganze Veranstaltung spielte sich im Innenhof des Mediothek Gebäudes ab: Blühende Bäume (hier ist schon Frühling), Teppiche und Kissen auf dem Rasen, ein Feuer und immer der obligatorische Tee, der an alle Anwesenden verteilt wird.
Um 9 Uhr werden Kyle und ich von Michael abgeholt. Michael (USA) ist ebenfalls ein AIESEC Praktikant, der ein Praktikum bei Tolo-TV, dem größten afghanischen Privatfernsehsender absolviert. Den Angestellten von Tolo-TV steht ein Fahrdienst zur Verfügung, über den sie 24 Stunden am Tag per Anruf verfügen können. Wir sammeln noch zwei von Michaels Kollegen auf (einen weiteren Ami und einen Afghanen) und fahren zum Firmengelände des Mobilfunkanbieters Roshan (dessen Kunde ich inzwischen auch bin) an den Stadtrand Kabuls.
Bei der Einfahrt werden die Autos mit einem Spiegel nach Bomben abgesucht, sowie unsere Ausweise kontrolliert.
Das Innere das Geländes gleicht einer europäischen Ferienanlage mit Fitnessraum und Pool. Die Appartements, die Roshan seinen ausländischen Angestellten zur Verfügung stellt, sind ziemlich nobel (habe ich schon erzählt, wie ich untergebracht bin? Kommt noch!). Dort treffen wir noch auf ein paar weitere Praktikanten aus Kanada, Australien und den USA. Bei Wodka Lemon wird herumgescherzt, über die Nobelunterkunft hergezogen und beraten was man denn noch so machen könne mit dem Abend.
Michael holt eine Packung mit ziemlich bunten „Knusperkaugummis“ aus der Tasche und verkündet stolz, das er sich dieses Stück Heimat hat von seinen Eltern zuschicken lassen.
Alle sollen probieren! Als der Afghane ablehnt meint er: „Hey man! This is my culture!“ Worauf der Afghane einen großen Klumpen schwarzen Afghanen aus der Tasche zieht, mit den Worten „And this man, is my culture!” und einen Joint baut.
Als dritter Teil des Abends wartet das Samarkant auf uns. Eine Diskothek mitten in Kabul, die ich so nicht erwartet habe. Aber zunächst einmal gilt es dorthin zu kommen. Die Jungs von Tolo TV haben zwei Autos geordert, mit denen die knapp 8 Kilometer bewältigt werden sollten. Auf der Strecke warteten ganze 9 Polizeikontrollen auf uns, welche die nächtliche Ausgangssperre überwachen, die aber anscheinend nur für Einheimische gilt.
Das Samarkant ist voll von westlichen Ausländern und wohlhabenden Afghanen, die hier im krassen Gegensatz zur maroden, zerstörten Stadt ausgelassen feiern. Bezahlt wird nur mit Dollars, was ein Problem für mich ist, als ich ein Heinecken bestelle und zum bezahlen nur Euros und Afghani parat habe. Die Bedienung startet wilde Umrechenversuche, dann klingelt ihr Telefon. Als sie nach knapp 5 Minuten immer noch nicht zurück ist, fühle ich mich für das Bier verantwortlich und übernehme die Aufgabe es sachgemäß zu entsorgen.
Gegen drei Uhr bin ich wieder in meinem Zimmer in der Mediothek – ein langer erster Tag ist zu Ende.
16.03.2006
Am Nachmittag bin ich mit Sahid und Aemil durch die Stadt gegangen, um später in einem Restaurant zu essen.
Die meisten Ausländer aus westlichen Ländern bewegen sich hauptsächlich mit dem Auto vorwärts, so dass man bei einem Spaziergang ziemlich auffällt. Als ich mit Hilfe meiner beiden afghanischen Begleiter an einer Straßenecke Geld tausche, bin ich sofort umringt von einer Horde Jungen, die Guthabenkarten für Prepaid-Telefone verkaufen. Fast an jeder Straßenecke stehen Kinder, die diese Dinger verhökern. Außerdem gibt es viele Kinder, gerade mal 5-8 Jahre alt schätze ich, die sich vor einem aufbauen, einen aus großen Augen anschauen und betteln oder irgendwelche Mintbonbons oder Kaugummis verkaufen wollen. Ziemlich schwer, dabei kalt zu bleiben, wenn die sich an einen randrücken und auf Dari „Bitte, Bitte!“ sagen. Die sehen echt verdammt arm aus!!! Einem kleinem Mädchen habe ich dann auch eine Schachtel Pfefferminzbonbons für 10 Afghani abgekauft – umgerechnet 1,50 Euro. Schon irre, wie die sich gefreut hat.
Aber eigentlich wollte ich hier ja was über das Essen schreiben. Meine beiden Begleiter haben mich mit in ein typisches Restaurant genommen, wo wir „Pulao“ serviert bekamen – das ist Reis mit Rosinen und Mandeln. Irgendwo in dem Reisberg ist ein Stück Fleisch versteckt. Eigentlich ganz lecker. Allerdings hatte ich die ganze Zeit Prophezeihungen vor Augen, mein Magen müsse sich erst einmal an die einheimische Kost gewöhnen, bzw. an die hygienischen Zustände. Der Laden war wohl für afghanische Verhältnisse sehr gepflegt, allerdings fallen den europäischen Augen schon Dinge wie der speckige Vorhang vor der Küche, die marode Elektroinstallation und halt eine gewisse „Ramschigkeit“ auf. Besonders schön: Die typischen Joghurtspeisen, die der Afghane nach dem Hauptgang isst, sind auf Vorrat in einem Regal im Gastraum gestapelt. Sie werden den Gästen ungefragt hingestellt, wenn sie nicht konsumiert werden kommen sie halt zurück ins Regal. Zusätzlich ist das Restaurant zur Hauptstrasse hin komplett offen – Ihr erinnert Euch an den Staub?
Meinen Reis habe ich also gegessen, immer den drohenden Durchfall im Hinterkopf, die Joghurtspeise habe ich stehen lassen. Zuhause habe ich vorsichtshalber schon mal die Kohletabletten rausgelegt, allerdings hatte ich meinen Magen wohl unterschätzt, der nämlich keine Probleme machte.
16.03.2006
Die ursprüngliche Beschreibung meiner Tätigkeit für die Firma Paiwastoon in Kabul beinhaltete vor allem eine Marketing-Kampagne für deren Web-Dienste.
Noch in Deutschland, wo ich mich mehrmals mit meinem Chef, Herrn Schlabach, einem deutschen Unternehmer, der neben seiner deutschen IT-Beratungsfirma die afghanische Firma Paiwastoon als eine Art Herzensangelegenheit betreibt, stellte sich heraus, dass es wohl in seiner Kabuler Niederlassung einige Probleme bezüglich der Kommunikation gebe.
Die Kommunikation mit seinem afghanischen Statthalter, Herrn Hotaki laufe eher schleppend, außerdem sei in dem Kabuler Büro seit einiger Zeit kein Internet verfügbar – was ja eher schlecht für ein Internet-Unternehmen ist.
Ich sollte die ersten zwei Wochen nutzen, um die Atmosphäre zu spüren und die Internetverbindung wieder herzustellen.
Zwei Tage vor Abflug erreicht mich dann die Nachricht, das Herr Hotaki seit drei Monaten nicht für die Firma arbeitet, dies aber bisher keinem mitgeteilt hatte. Da er der einzige fest angestellte ist, bedeutet das, dass ich zunächst mal der einizige Repräsentant der Firma Paiwastoon in Kabul sein werde.
Inzwischen durfte ich feststellen, dass nicht nur Herr Hotaki nicht mehr da ist, sondern auch das technische Equipment. Außerdem wurde das Büro, welches Paiwastoon durch die „Mediothek für Afghanistan“, einer gemeinnützigen Kulturbegegnungsstätte zur Verfügung gestellt wurde, inzwischen anderweitig vergeben wurde. Na toll!!!
Hameed, der Verwalter der Mediothek, ist allerdings sehr kooperativ und bemüht sich dem Abhilfe zu schaffen. Im Gegenzug dazu kümmere ich mich darum, wieder eine Internetverbindung für die Anlage zu organisiern.
Das Hauptaugenmerk werde ich zunächst auf einen Auftritt von Paiwastoon auf einer von AIESEC organisierten Konferenz legen. Hier geht es darum, afghanischen Studenten und Studentinnen bei der Organisation und Planung der eigenen Karriere zu helfen. Dazu werde ich einen Soft Skill Workshop planen, sowie einen Stand auf einer Art Firmenkontaktmesse.
Also zu tun gibt es schon etwas, auch ohne Infrastruktur.
Mal kein Staub, dafür ein nettes Empfangskomitee: Aemil, Kyle, Sabir und ich im innenhof der Mediothek16.03.2006
Die Erwartungen, die ich an Afghanistan hatte, werden voll erfüllt als ich aus dem Flugzeug steige. Eine tolle Bergkulisse, eine weitgehend ockerfarbene Landschaft, viel Militär und vor allem Staub. Die Koffer auf dem Laufband in der kleinen Flughafenhalle sind überzogen mit einer feinen Schicht davon. Er wird aufgewirbelt als die afghanischen Kofferkulis sich in dichten Trauben auf das Gepäckband stürzen, um die Kofferanhänger mit den Gepäckscheinen zu die ihnen von deren Besitzern gegeben wurden. Da ich nur wenig Gepäck habe erledige ich das selbst und stürze mich ins Gedränge.
Nachdem ich meinen Koffer erbeutet habe verlasse ich das Flughafengebäude durch die provisorischen Sicherheitskontrollen.
Der gesammte Vorplatz des Airport ist für Afghanen gesperrt. Es stehen jede Menge deutsche Polizeifahrzeuge herum, die der afghanischen Regierung durch die deutsche geschenkt wurden (ein großer Aufkleber am Heck, mit deutscher Flagge unterstreicht dies).
Im zweiten Sicherheitsring um den Flughafen erwarten mich Kyle und Conny mit einer großen AIESEC-Fahne. Kyle aus Australien macht ein unbezahltes 3-monatiges Praktikum für AIESEC, sie ist hauptverantwortlich für meine Betreung vor Ort. Conny aus Deutschland arbeitet für eine afghanische Marketingfirma die mit AIESEC cooperiert. Die beiden begleiten mich durch den dritten Sicherheitsring hinaus, wo eine riesige Menschenmenge hinter einem Stacheldrahtzaun darauf wartet Verwandte zu empfangen und irgendwelchen Kram an Ausländer zu verhökern.
Dort treffe ich auch auf Aemil und Sahim, zwei afghanische AIESECer.
Mit dem Taxi geht es durch den dichten, chaotischen Verkehr durch Kabul, vorbei an meist ein- bis zweistöckigen Gebäuden. Die Fahrzeuge, meist Taxis oder Kleinbusse, sorgen auf den nicht asphaltierten Strassen dafür, dass alles in eine dichte Staubwolke gehüllt ist. Wenn ich in drei Wochen wiederkomme muss ich dringend mehr Taschentücher mitnehmen, denn das Zeug sorgt für eine ständig verstopfte Nase.

Jetzt geht es also los.
Nach einem letzten leckeren deutschen Essen (Grünkohl mit Bregenwurst) bringen mich meine Eltern nach Göttingen, von wo aus es mit dem ICE nach Frankfurt geht.
Im ICE komme ich mit einer deutschen Sanitätssoldatin ins Gespräch, die bis vor kurzem 6 Monate in Kabul war. Sie erzählt ein paar Schauergeschichten, gibt mir nützliche Tipps („wenn Du zum Arzt musst, geh ins deutsche Camp Warehaus... die lassen dich da rein“) und schenkt mit eine Telefonkarte mit 8 Euro Guthaben der Bundeswehr, mit der man von allen Telefonen für wenig Geld nach Deutschland telefonieren kann.
Am Flughafen angekommen, wimmelt es in der Abflughalle E nur so von Afghanen. Viele von ihnen kehren nach mehr als 20 Jahren in Europa das erste mal wieder zurück in ihr Heimatland. Einer meint zu mir: „Wenn ihr Europäer in unser Land geht, dann ist es eine Ehrensache, dass auch wir wieder zurückkehren.“
Ausser den Afghanen gibt es eine kleine Gruppe Europäer (Deutsche/ Holländer und Briten) die den Flug gebucht haben. Alle werden nach der offiziellen Personen- und Handgepäckkontrolle noch durch eine zweite, strengere Kontrolle gelotst. Die Kerzen, die ich im Handgepäck dabei habe, werden einer speziellen Kontrolle unterzogen, könnten ja aus Sprengstoff sein.
Der Flug selbst verläuft unspektakulär (bis auf das kleine Mädchen neben mir, das beim Essen nach dem Start erst einmal ihre Spucktüte füllt). Den größten Teil des 6,5 Stunden langen Fluges verbringe ich schlafend. Das erscheint mir klüger als mir Gedanken über den nicht unbedingt hervorragenden Ruf von Ariana Afghan Air zu machen. Aber außer ein paar flackernder Lampen im Flugzeuginnenraum und meinem losen Sitzkissen gab es eigentlich nichts zu beanstanden.
Die Landung bot mir einen spektakulären Blick über das Hindukusch-Gebirge und über das unter mir liegende beige Kabul.
Nur noch vier Tage, und mein Flug nach Afghanistan startet in Frankfurt. Ich habe mich im November letzten Jahres entschieden, mich für ein Praktikum in diesem Land zu bewerben, das zu den 5 ärmsten der Erde zählt, und das für viele synonym mit dem „Ende der Welt“ stehen mag.
Die Gründe?
Nun zum einen habe ich in meinen 4 ½ Jahren, die ich mich in der Studentenorganisation AIESEC engagiere mitverfolgen können, wie deutsche AIESECer unsere Organisation in dieses krisengeschüttelte Land getragen haben und so unsere Vision von einer besseren Welt handfest unterstützt haben. Insgesamt 25 afghanische Studenten hatten inzwischen die Möglichkeit ein Praktikum in Afghanistan zu absolvieren, einige AIESECer aus aller Welt waren in Afghanistan und haben nur durch ihre Anwesenheit dort den Menschen Mut gemacht. Dementsprechend spüre ich eine gewisse Begeisterung Teil davon zu sein.
Zum anderen erwarte ich mir von den 4 Monaten dort eine außergewöhnliche Erfahrung, die meine Sicht auf die Welt und auf mich selbst schärfen wird. Vor allem an das Praktikum habe ich besondere Erwartungen, da es sehr viel selbstständige Arbeit und Improvisation beihalten wird. Auf jeden Fall werde ich gezwungen sein, meine Komfort-Zone zu verlassen und mich fordernden Aufgaben zu stellen.
Jetzt sind also alle Reisevorbereitungen getroffen (Impfungen, Visum, kulturelle Vorbereitung) und natürlich habe ich auch pflichtgemäß das letzte Heimspiel der Eintracht gegen Energie Cottbus besucht. Leider ging es in der Nachspielzeit verloren... ich hoffe die schaffen den Klassenerhalt auch ohne mich.
Einen ganz herzlichen Dank möchte ich noch loswerden an die AIESECer: Robert, Thomas, Markus, Nadine, Doris und Sarah!
Für diejenigen die es interessiert, hier noch eine kurze Beschreibung meiner Tätigkeit für die Firma Paiwastoon in Kabul:
PAIWASTOON Networking Services Ltd. - a locally founded Afghan startup - has been mostly a virtual organisation for the first two years after its establishment in late 2003. The straegy focussed on building a strong brand recognized as "our own local Internet company" by the Afghan population. Therefore the development of PAIWASTOON as an organization has been started in a phased approach. Phase #1 which began right after the establishment of the company focussed primarily on two aspects: Market intelligence and branding. We wanted to understand the Afghan market for Internet services (both consumer and busines segments) as well as start building awareness for PAIWASTOON from the very first day. This first, peparational phase of corporate learning lead to a thorrow understanding of the Afghan market and a clear vision of a unique product offering tailored to the needs of the local market. Phase #2 which is supposed to begin end 2005 / early 2006 will focus on creating a sustainable team locally in Afghanistan to turn the knowlede gained and product blueprints developed into sustained tangible product and service offerings with commercial success. We would like to offer a trainee coming from a western background a hand-on experience in intercultural management by laying the day to day local Afghan operations of the startup primarily in his or her hands, of course with all backing possible from the European virtual backoffice. The trainee will be introduced into the planned company strategy and will manage the day to day operation with a young team of about 2-3 local high potentials. The assignment is quite similar to an integrated business simulation known from the business school except that the company, the people and the customers are real. |
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